Begriffe und Thesen

Auf dieser Seite greifen wir wissenschaftlich oder gesellschaftlich mehr oder weniger kontrovers diskutierte Schlüsselbegriffe auf, die im theosophischen Denken eine besondere, gut begründete Bedeutung und in vielen Fällen das Potential haben, als Eckpunkte bei der Beantwortung von Lebens-Sinn-Fragen zu dienen.

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Illustration zu Thesen, Fresko, Raffael, 1510/11, Platon und Aristoteles im Dialog, tauschen Thesen aus
Schule von Athen – Platon und Aristoteles im Dialog (Fresco, Raffael, 1510/11)

Bewusstsein liegt grundlegend an der Basis jeder Existenz. Alles, was wir um uns herum wahrnehmen, können wir als einen Ausdruck oder eine Wirkung von Bewusstsein verstehen. Was Bewusstsein essentiell ist, können wir mit unserem auf das Gehirn begrenzten Denken nicht ergründen. Sicher ist nur, dass es nicht im Gehirn entsteht, nicht materiellen Ursprungs und nicht tot ist, und um einer vagen Idee seiner Natur näher zu kommen, können wir es uns vielleicht als eine feine und hohe Qualität oder Energie vorstellen, die mit Harmonie, Frieden, Schönheit und Liebe verwandt ist.

Bewusstsein an sich ist weder erzeugt noch erschaffen und hat keine Ausdehnung. Dies ist ein für uns ungewohnter Gedanke, weil wir in den Dimensionen von Länge-Breite-Höhe denken. In dieser Hinsicht ist Bewusstsein an sich ohne Dimension. Doch alles, was in seinen Einflussbereich gerät, wird zu einem aktiven Bewusstseinszentrum und bildet eine Form, die seiner inneren Essenz entspricht. Wir können uns das wie bei einem Samenkorn vorstellen, das lange Zeit inaktiv im Boden liegt und dann, wenn die Sonne mit ihrer Wärme kommt, aufquillt, keimt und sein Wachstum beginnt.

Der Begriff wirkt heute vielleicht etwas angestaubt, hat in der Theosophie aber eine zentrale Bedeutung. Er bezeichnet die Verwandtschaft und Verbundenheit aller Wesen, die in ihrem Zusammenwirken unser Universum bilden. Da sie laut dem theosophischen Weltbild alle aus einer gemeinsamen geistigen Quelle hervorgegangen sind, bergen sie in ihrem Innersten einen geistigen Funken, der in allen identisch ist und sie so bei aller Verschiedenheit der Form und Entwicklung verbindet. Als H. P. Blavatsky 1875 die Theosophical Society gründete, formulierte sie als Hauptziel der Gesellschaft die Bildung einer Universalen Bruderschaft nicht nur der Menschen, sondern aller Wesen. Dies war auch das einzige Ziel, zu dem sich jedes Mitglied vor der Aufnahme bekennen musste.

Im Wissenschaftsbetrieb wird heute jede Studie mit Menschen, jedes genetische Experiment oder Therapieschema oder auch jede prekäre medizinische Entscheidung von Ethikkommissionen begleitet und gebilligt, die für die betroffenen Konsumenten, Versuchspersonen oder Patienten das Beste heraushandeln. Aber ist der erzielte Kompromiss schon Ethik?

Laut der Theosophie ist Ethik mehr als menschliche Übereinkunft: Sie gehört zu den Gesetzen, die dem Universum zugrunde liegen, ist nicht verhandelbar und weist kompromisslos den Weg. Sie verweigert niemanden sein Lebensrecht, nimmt aber auf persönliche Interessen keine Rücksicht, denn sie beruht auf der inneren Verwandtschaft aller Wesen und vertritt das Wohl aller.

Evolution ist ein universales Prinzip. Es gibt nichts, keine Welt und kein Lebewesen, das nicht beständig  lernt, sich verändert und weiterentwickelt. Wörtlich bedeutet Evolution Auswickeln. Schon dies ist ein Hinweis auf ihr charakteristisches Wesen: das Entfalten von dem, was im Innern schlafend oder latent vorhanden ist.

Die theosophische Philosophie betont, dass Evolution nicht linear verläuft, also beispielsweise von einem niedrigen Ausgangspunkt unentwegt weiter nach oben, sondern periodisch oder zyklisch voranschreitet. Perioden des Aufbaus und des Abbaus, der Evolution und der Involution wechseln sich ab: Ein Same entwickelt sich, e-volviert seine charakteristische Essenz und bringt das zur Manifestation, was er im Kern ist. Eine Eichel zum Beispiel bringt eine Eiche hervor, ein Rosensame eine Rose, aus menschlichen Samenzellen wird ein Mensch. Erreicht der Prozess des Lernens und Wachsens sein Ende, folgt auf die Evolution die Phase der Involution: Das Ausgewickelte wird zusammen mit dem während der Evolution Gelernten wieder eingewickelt oder in die geistige Essenz zurückgezogen. Nach einer angemessenen Ruhepause beginnt eine neue Phase der Evolution, die auf dem Gelernten aufbaut. Der Zyklus von Evolution und Involution erreicht also nach einer Umdrehung nicht nur wieder den Entwicklungsstand, von dem er ausgegangen ist, sondern, bedingt durch den Lerngewinn, ein etwas höheres Niveau.

Imagination ist eine der wirksamsten Kräfte, die dem Menschen zur Verfügung stehen. Sie ist das beste Heilmittel gegen Pessimismus.

Wie oft fühlen wir uns hilflos widrigen Verhältnissen ausgeliefert: „Was soll ich als Einzelner ausrichten? Gegen die erdrückenden politischen oder gesellschaftlichen Zustände kann ich als Einzelner nicht ankommen. Was immer ich tue, es hat keine Erfolgsaussichten.“

Wer kennt nicht solche lähmenden Gedanken? Doch Achtung, genau solche pessimistischen Einschätzungen fördern unsere Passivität, unterdrücken unsere Kreativität und unseren Willen und verhindern, dass wir unseren Teil dazu beitragen, dass sich die Verhältnisse doch noch zum Besseren ändern.

Die Geheimwaffe gegen Pessimismus ist Imagination: das gedankliche Ausgestalten von Idealen, Visionen einer besseren Zukunft. Sie ist Voraussetzung für das Verwirklichen dieser Ziele und Visionen. Die Kraft der Imagination ist nur von unserer eigenen Auffassungsgabe begrenzt. Gerade jetzt ist Optimismus angesagt.

Leere

Leere wird in der Theosophie als relativer Begriff mit zwei Aspekten verstanden. Auf die Materie bezogen ist sie nicht Vakuum, sondern die Abwesenheit materieller Teile. Da die Materie nur einen kleinen Teil der Bestandteile unseres Universums ausmacht, ist die vermeintliche Leere aus anderer Sicht eine Fülle immaterieller Teilchen oder Wesen, das Pleroma der Gnostiker. Aus der Sicht des Geistes ist unsere Materie Leere, da sie nichts Geistiges enthält. So bezieht sich im Buddhismus der Begriff Śûnyatâ (Leere) auf die als Mâyâ, Illusion, verstandene materielle Welt, der alles Wesenhafte und Dauerhafte fehlt.

Die griechischen Philosophen Leukipp und Demokrit lehrten, dass unsere Welt aus Leere und aus Atomen zusammengesetzt ist. Die heutige Interpretation, die die Leere als Vakuum und die Atome als materielle Teilchen deutet, wird dem philosophischen Ansatz der antiken Denker in keiner Weise gerecht.

In der theosophischen Philosophie bezeichnet der Ausdruck „Persönlichkeit“ den niederen, auf den Körper und seine Erfordernisse gerichteten Teil des Ichs. Große Menschen, die als bedeutende „Persönlichkeiten“ in die Geschichte eingegangen sind, sind über diesen selbstsüchtigen Teil weit hinausgewachsen und haben sich selbstlos für die Interessen ihrer Mitmenschen eingesetzt. Das hat sie berühmt und zum Vorbild gemacht.

Illustration zu Thesen Persönlichkeit

Die Persönlichkeit ist ein wichtiger Teil unseres Ichs, doch bevor wir sie in der Art Mahatma Gandhis für höhere und allgemeinnützige Ziele einsetzen können, muss sie in den meisten Fällen noch lernen und wachsen und die Begrenzung durch ihre eigenen Interessen überwinden.

alternative Illustration zu Thesen Seele